Dienstag, 14. April 2015

Im schönsten Stadion der Welt - Craven Cottage

Zu Besuch an der Londoner Craven Cottage. Von Kühlschränken, Harry Potter und dem wohl schönsten Stadion der Welt.

Es fühlte sich an, wie der Blick in den Kühlschrank an einem langweiligen Sonntagnachmittag. Auch beim vierten Öffnen hofft man, dass nun irgendetwas drin ist, auf das man Lust hat. Vielleicht hat man auch eine Leckerei übersehen und findet sie nun unverhofft in einer Ecke, versteckt hinter der Butter.

Wir musterten den Imbissstand ein fünftes Mal. Jetzt aber weitaus kritischer, als wir das noch vor knapp eineinhalb Stunden taten. Der Magen machte sich langsam bemerkbar und knurrte seinen Frust heraus. Dass Hunger an der Laune nagt, weiss man nicht erst seitdem es Werbung gibt. Wir entschlossen uns, einen Hotdog zu nehmen. Es schien uns die vernünftigste Wahl, da es keine Pommes – oder Chips – gab und sämtliche Alternativen in der Bezeichnung am Anschlagbrett mit „Pie“ endeten, weshalb sie sich zum Undefinierbaren mauserten. Als wir uns vorsichtig zum Tresen des Standes tasteten, blickten uns die rund fünf Angestellten mit jedem Meter erwartungsvoller an. Verständlich, wo wir doch vermutlich ihre ersten Kunden am heutigen Abend waren. Zumindest konnten wir bei den vier vorherigen Besuchen keine anderen Gäste ausmachen. Nun standen wir also davor und orderten zwei Hotdogs. Die gab es dann auch, samt synchronem Lächeln der fünf in grau gekleideten Mitarbeiter. Das Gefühl, gebraucht zu werden. Ich verteilte Ketchup auf dem Hotdog, der folglich unter der roten Masse zusammenzufallen drohte. Ich biss hinein. Es schmeckte grauenhaft.

Es war der einzige Makel der Pilgerfahrt an die Craven Cottage.

Plötzlich taucht sie auf. Unverhofft in einer Ecke, versteckt hinter einem Wohnquartier. Ich kneife die Augen zusammen, um schärfer sehen zu können. Als ich die in den Himmel ragenden Flutlichtmasten sehe, gibt es keinerlei Zweifel mehr, dass wir das Stadion erreicht haben. Es ist gut getarnt. Die rote Backsteinfassade, welche an die Strasse grenzt, unterscheidet sich kaum zu den Häusern in der Wohngegend. Scheinbar unendlich reihen sie sich aneinander und füllen Strasse um Strasse. Als hätte man ein Haus gebaut und es kopiert, um es anschliessend wieder und wieder aneinander zu setzen. Harry Potter muss in dieser Gegend wohnen, wenn er nicht gerade Hogwarts unsicher macht, denke ich mir im Stillen. Da meine Begleitung ein glühender Fan der Harry-Potter-Geschichten ist, lasse ich meine Feststellung unausgesprochen. Aus Angst, dass wir die nächsten zwei Minuten über Harry, Ron und Hermine diskutieren, statt diese Schönheit zu bewundern, die sich vor mir aufbaute. Die Schönheit, die auf den Namen Craven Cottage hört. Und wie so oft bei Schönheiten, ist auch in diesem Fall die Intimität der Live-Darbietung unschlagbar. Denn zugegeben, ich habe mir diese Strasse schon bei Google Earth angesehen, werde aber erst jetzt richtig in ihren Bann gezogen.



Hinter der langen Backsteinfassade befindet sich der Johnny Haynes Stand, die Gegentribüne. Links neben ihr liegt die Craven Cottage. Eine alte Jagdhütte, die vor über 200 Jahren erbaut wurde, weil die gesamte Gegend damals noch Wald war. Baron William Craven liess sie errichten und fungiert als Namensgeber der Hütte. Heute nutzt der Fulham FC die Cottage als VIP-Loge, die Spielerfrauen und verletzte Spieler beherbergt. Ich stehe vor dem Stadion und betrachte sie. Die Clubbezeichnung ziert die Aussenwand dieses so einmaligen Relikts aus dem 19. Jahrhundert. „The Fulham Football Club“ steht in weissen Lettern auf schwarzem Grund geschrieben. Nun halte ich inne und fühle pure Dankbarkeit, dass die Hütte bis in die heutige Zeit überdauert hat. Eine heutige Zeit, in der Fussballvereine hochmoderne Betonbauten aus dem Boden stampfen lassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Meine Vernunft spricht von einem durchaus legitimen Vorgang. Mein Herz aber blutet. Es hadert, will nicht wahrhaben, flucht. An diesem Abend lacht das Herz jedoch.



Nicht nur der Cottage wegen, nein. Die Heimspielstätte vom Fulham FC bietet an allen Ecken und Enden Hochgenuss für Sympathisanten des Fussballs auf der Insel. Alle vier Tribünen verfügen über den typisch britischen Charme. Die Handschrift des Architekten Archibald Leitch ist unweigerlich zu erkennen. Dass Leitch auch bei heutigen Fussball-Mekkas wie der Liverpooler Anfield Road oder dem Glasgower Ibrox Park federführend war, überrascht nicht. Das Hammersmith End, wo sich die treuen Anhänger der Cottagers tummeln, könnte problemlos als kleinere Version der legendären „The Kop“ an der Anfield Road durchgehen. Nur eben mit schwarzen Sitzschalen und dem Schriftzug „Fulham“.



Da noch rund zwei Stunden bis zum Anpfiff sind, setzen wir uns in das einzige Kaffee an der Craven Cottage. Es fährt ein kleiner Bus vor, aus welchem einige Fulham-Spieler aussteigen. Der 19-malige englische Nationalspieler und aktuelle Kapitän der Whites, Scott Parker, steigt ebenfalls aus. Maximal ein dutzend Menschen sind zu diesem Zeitpunkt am Stadion. Parker schreibt zwei Autogramme, spricht mit einigen und verschwindet dann entspannt in der Backsteinfassade. Als Beobachter bin ich beinahe versucht von einem familiären Klima zu sprechen. In der folgenden Stunde bestätigt sich dieser Eindruck. Im Kaffee, das zwei Stunden vor dem Spiel noch komplett leer ist, scherzen die beiden Angestellten miteinander. Das Lokal füllt sich in der Folge nur überschaubar. Eine Stunde vor Spielbeginn findet man im Clubheim des FC Winkeln unwesentlich weniger Gäste vor. Die Stimmung ist ähnlich. Nicht feierlich, aber ausgelassen zufrieden. Man trinkt sein Bier, Kaffee oder Tee und orakelt über die bevorstehenden 90 Minuten.

Bis zum Anpfiff sind es noch gut 50 Minuten, als wir erneut vor der Cottage stehen. Nun aber mit der Absicht, das Bauwerk von einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wir wollen rein. Während wir unser Ticket studieren, um den richtigen Eingang zu finden, schreitet ein hilfsbereiter Ordner ein. Er überfliegt das Stück Papier und seufzt: „Excuse me, that’s not the game tonight.“ Mein Gesicht läuft tomatenrot an. Ich versuche meinen Blick krampfhaft irgendwo fest zu machen, um meiner Verzweiflung nicht allzu grossem Ausdruck zu verleihen. Der Ordner bleibt streng in seiner Rolle und erklärt, dass das Ticket für das Spiel in einer Woche gültig sei, nicht aber für die Partie heute. Inzwischen habe ich meine Augen auf Sarah gerichtet, die ein verschmitztes Lächeln aufsetzt. Ich verstehe und lächle verlegen. Britischer Humor. Und familiär noch dazu. Der Ordner weist uns den richtigen Eingang zu. Anschliessend stehen wir vor einem kleinen Tor, das um die 80 Zentimeter breit ist. Das Drehkreuz lässt den Eingang auf mickrige 50 Zentimeter schmelzen. In den USA hätte man, trotz sämtlicher verkauften Tickets, ein nur halbvolles Stadion. Während ich über zufrieden über meinen eigenen Spruch lache, betrachte ich mir die Drehkreuze. Rost frisst sich in die schwarze Lackierung. Ich kann es kaum erwarten, bis mir dieses Stadion seine Geschichten erzählt.



Unverhofft in einer Ecke, versteckt hinter dem Riverside Stand, der Haupttribüne, sieht man die Themse. Sie spiegelt die warme Abendsonne in den Farben rot, orange und gelb. Dass ein Fluss direkt hinter dem Stadion durchläuft, ist eine Rarität, wo doch heutzutage Multifunktionsarenen meist mit grosszügiger Betonfläche umrahmt werden, die für Parkplätze und Fanshops genutzt werden. Ebenso rar sind die Sonnenstunden in London. Englisches Wetter bedeutet eigentlich Wind, Wolken und Regen. Heute scheint die Sonne, der Himmel ist blau.

Das Stadion ist keine Stunde vor dem Anstoss beinahe gänzlich leer. Ich gehe mit einem Plastiksack des Fanshops auf Entdeckungstour. Mein Verlangen, die üppige Trikotsammlung weiter anwachsen zu lassen, musste zwingend befriedigt werden. Das orange Auswärtstrikot mit der Nummer 8 von Scott Parker liegt fein säuberlich zusammengefaltet im Sack und schreit förmlich danach in meinem Schrank neben Sunderlands Lee Cattermole und Augsburgs Tobias Werner Platz nehmen zu dürfen. Wardrobe of Fame.

Auf der Entdeckungstour findet sich einiges unverhofft Verstecktes, das jedem Fussball-Romantiker Tränen der Rührung in die Augen treibt.

Ich lasse meinen Blick über die Cottage, hinüber zum angrenzenden Johnny Haynes Stand schweifen. Während die unteren Sitze mit handelsüblichen Plastikschalen bestuhlt sind, dominiert im oberen Teil der Tribüne Holz. Vor meinem geistigen Auge erscheint das Espenmoos. Die beiden Tribünenteile werden mit einer etwa einen Meter hohen Backsteinwand getrennt, die das Espenmoos aber gleich wieder vergessen macht.

Die Befürchtung, dass sich auch der Zuschauerauflauf in ähnlichen Dimensionen bewegt, wie der des FC Winkeln, widerlegt sich erst 15 Minuten vor dem Spiel. Der Engländer scheint sich in den Pubs noch ein paar Pints zu gönnen, um dann kurz vor Beginn ins Stadion zu kommen. Seit Anfang Neunziger sind auf der Insel keine Stehplätze mehr erlaubt. Sich mit frühem Erscheinen eine passable Ausgangslage in der Platzwahl schaffen, taugt also nicht als Begründung.

An der Craven Cottage verzichtet man auf kommerziellen Schnick-Schnack vor Spielbeginn. Keine Kiss-Cam, keine Wettbewerbe. Einzig Maskottchen Billy, ein Dachs, versucht das Publikum zu animieren. Erwähnenswert ist dabei, dass Billy über einen eigenen Bodyguard verfügt. Er folgt dem nur mässig elegant tanzenden Maskottchen auf Schritt und Tritt.

Mittlerweile haben wir und knapp 16'000 andere Platz genommen. Wir sitzen in der vordersten Reihe, die nur zwei Meter vom Spielertunnel entfernt ist. Das Spielertunnel ist nicht, wie üblich, zwischen den beiden Ersatzbänken stationiert, sondern führt aus der Cottage hinaus, vorbei an der Eckfahne aufs Spielfeld. Mit epischer Musik über geschlagene 15 Minuten versucht man krampfhaft diesem Spiel eine gewisse Dramatik zu unterlegen, scheitert aber.

Die Protagonisten betreten das Spielfeld. Scott Carson, Gabor Kiraly, Jermaine Pennant, Tim Hoogland, Bryan Ruiz oder William Kvist. Die Gesichter sind dem Kenner durchaus bekannt. Der ehemalige Basler Kay Voser steht nicht im Kader. Direkt vor unseren Augen betreten sie den grün leuchtenden Rasen. Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen, so dass die Flutlichtmasten hinunterbrennen. Das Spiel beginnt.



Craven Cottage bietet keinen grossen Fussball, keine atemberaubende Stimmung. Laut wird es nur, wenn sich das Hammersmith End zu einem „Come on Fulham“ durchringen kann, das in der Regel nach 20 Sekunden wirkungslos verpufft. Natürlich ist es nur die zweithöchste Spielklasse, aber Fulham stand 2010 noch im Europa-League-Endspiel, etablierte sich über Jahre in der Premier League, wo auch Wigan Athletic, der heutige Gegner, jahrelang spielte. Darüberhinaus ist es erbitterter Abstiegskampf. Zumindest in der Tabelle. Fulham steht nur zwei Plätze über dem Strich, Wigan ist gar darunter. Die Partie selbst strahlt wenig von dieser Brisanz aus. Das viel zitierte Kribbeln findet man hier nicht vor. Schlimm ist das aber nicht. Es scheint, dass man eher zum Fussball geht, als zu Fulham. Klar, man unterstüzt die Cottagers, aber der Besuch, das Erlebnis, steht im Vordergrund. Womöglich ist es auch so, dass sich die Zuschauer noch immer nicht satt gesehen haben an diesem Bauwerk. Als müsste man immer wieder kommen, um irgendwo, unverhofft in einer Ecke, eine weitere Leckerei zu finden. Daneben spielt Fulham.

Das Spiel endet 2:2. Wigan ist zwar spielbestimmend und hat die besseren Chancen, doch Fulham geht zweimal in Führung. Wigan gleicht zweimal aus. Drei der vier Tore sind sehenswerte Weitschüsse, Jermaine Pennant verwandelt sogar einen Freistoss direkt. Es macht Spass. Nur schon deshalb, weil wir in England sind. Die Bälle werden oft weit in die Spitze gespielt, wo dann verbissen um jeden Zentimeter gekämpft wird. Spielerisch anspruchsvoll ist das nicht, aufregend aber allemal. Unterbrechungen gibt es nur wenige. Die Pfeife bleibt im Zweifelsfall stumm. Selbst dann, wenn der starke Jack McCormack mal wieder ausgebrochen ist und per Scherengrätsche gebremst wird. Der junge Dan Burn beseitigt derweil jeglichen Ansatz von Gefahr kompromisslos aus dem Strafraum. Mal mit dem Kopf, mal mit Kopf und Ellbogen, mal mit seinen Stollen.


Als wir das Stadion verlassen haben, kommen wir wieder am Wohnquartier vorbei. „Sieht aus, als würde Harry Potter hier wohnen.“

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